Wie Boxen die Therapie bereichern kann
Boxen und Therapie? Zwei Welten, die sich zunächst einmal etwas gegensätzlich anhören. Dass sie dennoch erstaunlich gut zusammenpassen können, weiß unser Kollege Alexander Krick, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie.
Für manche Kinder und Jugendliche eröffnet das Boxtraining einen Zugang, den eine klassische Gesprächstherapie zunächst nicht schaffen kann. Körperliche Aktivität, Bewegung und gemeinsames Handeln werden dabei gezielt genutzt, um Vertrauen aufzubauen, Ressourcen zu entdecken und neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Alexander Krick setzt Elemente des Boxtrainings seit mehreren Jahren therapeutisch ein. Zum Kampfsport kam er zunächst aus persönlichem Interesse. „Ich wollte lernen, in schwierigen Situationen ruhig und angemessen zu handeln und mit Aggressionen anderer Menschen umzugehen“, erzählt der 36-Jährige. Nach ersten Erfahrungen im Krav Maga, einem israelischen Selbstverteidigungssystem, entdeckte er schließlich das klassische Boxen für sich und erkannte schnell, welches Potenzial dieser Sport auch für seine therapeutische Arbeit bietet.
Ein neuer Weg, Beziehungen aufzubauen
Vor allem Kinder und Jugendliche in belastenden emotionalen Situationen lassen sich nicht immer über Gespräche erreichen. So war es auch bei Nick (Name geändert), erinnert sich der Therapeut: “Dieser Jugendliche kommt aus einem gewaltgeprägten Umfeld, hat selbst bereits körperliche Gewalt ausgeübt und war ein bekannter Straßenschläger.“ Hier entschied Alexander Krick, statt ausschließlich auf Gespräche zu setzen, einen anderen Zugang zu wählen. Er ging mit dem jungen Mann zum Boxen. „Hier stand aber nicht das Ausleben von Aggressionen im Vordergrund, sondern zunächst einmal über eine gemeinsame Aktivität in Kontakt zu kommen“, erklärt der Dortmunder. Die gemeinsame Bewegung erleichterte den Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung und schuf Vertrauen. Das ist eine wichtige Grundlage für eine Behandlung.
Boxen als therapeutisches Werkzeug
Wie eine Therapieeinheit aussieht, richtet sich immer nach den individuellen Bedürfnissen der jungen Patientinnen und Patienten. Wer unter großer Anspannung steht, kann diese kontrolliert am Boxsack abbauen. Ängstliche oder unsichere Kinder und Jugendliche erleben, wie es sich anfühlt, entschlossen aufzutreten und die eigene Kraft einzusetzen. Rollenspiele helfen dabei, persönliche Grenzen wahrzunehmen und diese selbstbewusst zu vertreten.
Auch bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS könne das Boxtraining hilfreich sein, so Krick. Es unterstütze dabei, überschüssige Energie abzubauen, die Konzentration zu fördern und die Impulskontrolle zu verbessern. Gleichzeitig zeige sich immer wieder: Bewegung wirkt sich insgesamt positiv auf die psychische Gesundheit aus. (Das zeigen zum Beispiel auch die Erfahrungen mit dem Bogenschießen oder den Klettereinheiten in unserer Klinik. Anm. d. Red.) Boxen ist dabei eine von vielen therapeutischen Methoden.
Wichtig sei jedoch, dass das Angebot freiwillig bleibe. Nicht jeder Mensch fühle sich mit dieser Form der Bewegung wohl. „Therapie bedeutet immer, gemeinsam den passenden Weg für die individuelle Person zu finden“, so der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.
Selbstvertrauen wächst mit jeder Erfahrung
Die positiven Effekte reichen weit über das Training hinaus. Viele Kinder und Jugendliche stärken mit dem Boxen ihr Selbstwertgefühl, entwickeln ein besseres Körpergefühl und erleben, dass sie Herausforderungen erfolgreich bewältigen können. Sie lernen, mit Frustration umzugehen, Emotionen besser zu regulieren und auch in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Wie das geht? „Gerade im Training entstehen immer wieder Momente, die zunächst herausfordernd wirken“, weiß unser Kollege. Wer lernt, ruhig zu bleiben, Schlägen kontrolliert auszuweichen oder sie zu blocken, sammelt wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Druck und Stress. Diese können sich positiv auf den Alltag übertragen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken.
„Zu erleben, wie Kinder und Jugendliche über sich hinauswachsen, neue Seiten an sich entdecken und Selbstvertrauen gewinnen, macht diesen Baustein der Therapie für mich besonders bereichernd“, so lautet das Fazit unseres Kollegen.
Uns zeigt es, wie vielfältig Therapie sein kann und dass manchmal ungewöhnliche Wege den entscheidenden Unterschied machen.